Du hast diesen Blick bestimmt schon mal gesehen. Der Hund sitzt am Tisch, neigt den Kopf ein wenig, zieht die Augenbrauen hoch und schaut dich so an, als hätte man ihn seit mindestens drei Jahren nicht mehr gefüttert. Eine Minute später landet schon ein Stück Fleisch unter dem Tisch.
Zufall? Nicht ganz.
Hunde leben seit Tausenden von Jahren mit Menschen zusammen und haben in dieser Zeit gelernt, unsere Gesten, unseren Blick, unsere Stimmlage und sogar das, worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist, extrem gut wahrzunehmen. Aber heißt das, dass dein Haustier dich tatsächlich bewusst manipulieren kann?
Die Antwort ist interessanter als ein einfaches „Ja“ oder „Nein“.
Ein Hund kann tatsächlich trickreich sein – und das wurde experimentell bewiesen
Das Wort „Manipulation“ wird normalerweise mit einem komplexen menschlichen Plan in Verbindung gebracht: jemanden täuschen, eine bestimmte Emotion auslösen und das Gewünschte erreichen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ein Hund derart komplexe psychologische Strategien entwickelt. Studien zeigen jedoch: Hunde sind in der Lage, ihr Verhalten anzupassen, je nachdem, mit wem sie es zu tun haben und welchen Vorteil sie daraus ziehen können.
In einem interessanten Experiment interagierten Hunde mit zwei Menschen. Der eine war „kooperativ“ – er gab dem Hund das Futter, zu dem dieser ihn geführt hatte. Der andere verhielt sich wie ein Konkurrent und nahm das gefundene Futter für sich.
Vor den Hunden standen mehrere Kisten: In einer befand sich ihr Lieblingsfutter, in einer anderen etwas weniger Attraktives und die dritte war leer.
Und was haben die Hunde gemacht?
Sie führten den freundlichen Menschen häufiger zum begehrten Futter und den konkurrierenden Partner zur weniger attraktiven Variante. Die Forscher nannten dieses Verhalten „deceptive-like behaviour“, also ein Verhalten, das einer Täuschung ähnelt.
Das heißt nicht, dass der Hund im Flur sitzt und denkt: „Jetzt schmiede ich einen schlauen Plan gegen meinen Besitzer.“ Vielmehr ist er in der Lage, schnell ein einfaches System zu verinnerlichen:
Bei dieser Person funktioniert dieses Verhalten, bei einer anderen nicht.
Die Besitzer inszenieren jeden Tag ihre eigenen kleinen Versionen dieses Experiments.
Der Hund bittet vielleicht niemanden um Essen, der nie etwas vom Tisch abgibt, verbringt aber das ganze Mittagessen neben dem Stuhl des großzügigsten Familienmitglieds. Er bringt den Ball vielleicht genau demjenigen, der am häufigsten zum Spielen bereit ist. Und wenn er von einem Besitzer ein klares „Nein“ hört, geht er eine Sekunde später los, um zu prüfen, was der andere dazu sagt.
Manchmal hat man den Eindruck, dass der Hund nicht nur die Regeln der Familie genau kennt, sondern auch alle Schwachstellen jedes einzelnen Familienmitglieds.
Der „Welpenblick“ – ein viel interessanteres Phänomen, als es scheint
Eines der mächtigsten Werkzeuge eines Hundes ist sein Gesicht.
Genau dieser berühmte Blick, bei dem der Hund die Innenseite seiner Augenbrauen anhebt und seine Augen größer und trauriger wirken, hat Wissenschaftler so sehr fasziniert, dass sie begannen, die Mimik von Hunden und Wölfen anatomisch zu untersuchen.
In einer Studie aus dem Jahr 2019 stellten die Wissenschaftler wichtige Unterschiede bei den Muskeln rund um die Augen von Hunden und Wölfen fest. Bei Hunden war der Muskel, der für das starke Anheben der inneren Augenbrauen zuständig ist, deutlich ausgeprägter. Die Autoren vermuteten, dass sich diese Besonderheit im Laufe der Domestizierung und der Interaktion mit dem Menschen entwickelt haben könnte.
Einfacher gesagt: Menschen könnten über viele Generationen hinweg unbewusst Hunde bevorzugt haben, deren Gesichter bei ihnen eine stärkere emotionale Reaktion auslösten.
Aber es gibt noch eine interessantere Tatsache.
Eine Untersuchung des gegenseitigen Blickkontakts zwischen Hunden und Menschen zeigte einen Zusammenhang zwischen längerem Blickkontakt und Veränderungen des Oxytocin-Spiegels – einer Substanz, die mit sozialer Bindung in Verbindung gebracht wird. Die Autoren beschrieben einen positiven Interaktionskreislauf: Der Blick des Hundes verstärkt die Reaktion des Besitzers, und die anschließende Interaktion stärkt die Bindung zwischen ihnen.
Wenn dir ein Hund also aufmerksam in die Augen schaut und du nach ein paar Sekunden sagst: „Na gut, hier hast du ein kleines Stückchen“, dann ist das vielleicht das Ergebnis einer sehr langen gemeinsamen Geschichte zweier Arten.
Macht der Hund diesen Blick bewusst und denkt dabei: „Jetzt ziehe ich eine Augenbraue hoch, und der Mensch gibt nach“?
Die Wissenschaft liefert keine Anhaltspunkte dafür, genau das zu behaupten. Aber Hunde lernen hervorragend, Verhaltensweisen zu wiederholen, die zum Erfolg führen.
Wenn ein bestimmter Blick zehnmal mit einem Leckerli belohnt wurde, wird der elfte Versuch wohl kaum Zufall sein.
Meistens „manipuliert“ uns der Hund, weil wir ihm das selbst beigebracht haben
Stell dir mal eine typische Situation vor.
Der Hund kommt zu seinem Besitzer und berührt ihn mit der Pfote. Der Mensch lacht und streichelt den Hund. Am nächsten Tag taucht die Pfote wieder auf.
Nach einer Woche legt der Hund seine Pfote schon jedes Mal auf den Menschen, wenn er Aufmerksamkeit will.
Eine andere Situation: Der Hund bellt an der Tür. Der Besitzer öffnet sofort die Tür. Mit der Zeit wird das Bellen zum Rufknopf für den persönlichen Türsteher.
Noch ein Klassiker: Der Hund bringt ein Spielzeug, der Mensch legt seine Arbeit beiseite und wirft es ihm zu. Nach einer Weile weiß der Liebling ganz genau, wie er das Spiel in Gang bringt.
Und genau darin liegt das interessanteste Paradoxon: Wir glauben, wir erziehen den Hund, aber gleichzeitig lernt der Hund, unsere Reaktionen zu steuern.
Studien zeigen, dass Hunde sensibel auf den Aufmerksamkeitszustand eines Menschen reagieren und ihr Verhalten ändern können, je nachdem, ob der Mensch sie ansieht und was er sehen kann. Gleichzeitig gehen Wissenschaftler mit diesen Fähigkeiten vorsichtig um: Ein Teil dieses Verhaltens lässt sich vielleicht nicht durch komplexes „Gedankenlesen“ erklären, sondern durch Lernen aus Erfahrungen und die Aufmerksamkeit für bekannte Signale.
Genau deshalb können zwei Hunde in verschiedenen Familien völlig unterschiedliche Methoden entwickeln, um das zu bekommen, was sie wollen.
- Die eine bringt ein Spielzeug.
- Der andere legt den Kopf auf den Schoß.
- Der dritte setzt sich neben den Kühlschrank und schaut seinen Besitzer schweigend an.
- Und der vierte geht erst zu einem Familienmitglied, wird abgewiesen und wendet sich dann ohne zu zögern dem nächsten zu.
Der Hund beobachtet ständig die Folgen seines Handelns. Was hat funktioniert? Was hat ihm Aufmerksamkeit eingebracht? Nach welchem Verhalten wurde die Tür geöffnet? Welches Geräusch hat den Menschen dazu gebracht, vom Sofa aufzustehen? Wer in der Familie teilt am häufigsten sein Essen?
Und nach und nach entsteht ein ganzes Kommunikationssystem.
Wer manipuliert hier also wen?
Ein Hund kann tatsächlich Verhaltensweisen einsetzen, die ihm helfen, das Gewünschte zu bekommen. Er ist in der Lage, die Aufmerksamkeit der Menschen zu berücksichtigen, vorteilhafte von nachteilhaften Partnern zu unterscheiden und Handlungen zu wiederholen, die zuvor zum Erfolg geführt haben. Aber das als kaltblütige menschliche Manipulation zu bezeichnen, wäre übertrieben.
Meistens haben wir es mit einer Mischung aus natürlicher sozialer Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit und riesiger Lebenserfahrung im Zusammenleben mit Menschen zu tun. Wenn dich also das nächste Mal ein Hund mit den traurigsten Augen der Welt ansieht und du ihm plötzlich den bequemsten Platz auf dem Sofa überlässt, denk mal darüber nach:
„Vielleicht bist nicht du es, der den Hund schon seit vielen Jahren erzieht. Vielleicht hat er dich die ganze Zeit über nach und nach erzogen.“

