Stell dir mal folgende Situation vor: Du zeigst deinem Hund auf einen leeren Napf und redest ihm ein, dass das Leckerli genau da drin ist. Einmal wird er dir vielleicht glauben. Aber was passiert, wenn du ihn noch einmal hinters Licht führst?

Es stellt sich heraus, dass Hunde gar nicht so vertrauensselig sind, wie es vielleicht scheint. Sie beobachten das Verhalten von Menschen ganz genau, merken sich, wer korrekte Informationen gegeben hat und wem man besser nicht mehr trauen sollte.

Aber heißt das, dass ein Hund Lügen wirklich versteht?

Einmal reingelegt – beim nächsten Mal hat der Hund schon Zweifel

In einem der bekanntesten Experimente wurden einem Hund zwei Behälter gezeigt. Eine Person zeigte auf den, in dem sich das Futter befand, und der Hund fand die Belohnung.

Dann zeigte die Person absichtlich auf den leeren Behälter.

Als dieselbe Person danach wieder richtig zeigte, wo das Futter lag, folgten die Hunde ihrem Hinweis schon deutlich seltener. Das heißt, sie haben die vorherige Erfahrung berücksichtigt und ihre Einstellung gegenüber der Informationsquelle geändert.

Im Grunde schien der Hund zu folgern:

„Letztes Mal hast du mich im Stich gelassen. Warum sollte ich dir jetzt glauben?“

Das ist besonders interessant, weil Hunde normalerweise sehr gut auf menschliche Gesten reagieren. Sie achten auf die Blickrichtung, die Körperhaltung und Zeigegesten. Aber das Vertrauen in einen Menschen ist nicht völlig automatisch – frühere Erfahrungen spielen eine Rolle.

Das heißt natürlich nicht, dass ein Hund genauso über Lügen denkt wie ein Mensch. Wir können nicht behaupten, dass ihm der Gedanke „Dieser Mensch lügt“ durch den Kopf geht. Aber Experimente zeigen, dass Hunde in der Lage sind, die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen einzuschätzen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen.

Hunde können zwischen einem Fehler und einer absichtlichen Handlung unterscheiden

Und hier wird es noch interessanter.

In einem anderen Experiment haben Forscher untersucht, ob ein Hund den Unterschied zwischen Situationen erkennt, in denen ein Mensch ihm kein Futter geben will, und solchen, in denen ein Mensch dazu nicht in der Lage ist.

In einem Fall nahm der Versuchsleiter die Belohnung absichtlich wieder weg. In anderen Fällen wollte die Person scheinbar Futter geben, ließ es aber versehentlich fallen oder konnte es aufgrund eines Hindernisses physisch nicht übergeben.

Das Verhalten der Hunde in diesen Situationen war unterschiedlich. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Hunde zumindest bis zu einem gewissen Grad in der Lage sind, zwischen absichtlichen und unabsichtlichen Handlungen eines Menschen zu unterscheiden.

Das heißt, für einen Hund kann nicht nur das Ergebnis von Bedeutung sein:

„Ich habe kein Leckerli bekommen.“

Er achtet auch auf die Umstände:

„Die Person konnte es nicht geben“ oder „die Person hat es absichtlich nicht gegeben“.

Und das macht die Beziehung zwischen Hunden und Menschen schon deutlich komplizierter als ein einfaches System aus Befehlen und Belohnungen.

Weiß der Hund also wirklich, dass du lügst?

Die ehrlichste Antwort: Manchmal kann ein Hund erkennen, dass deine Aussage falsch ist, und dir sogar das Vertrauen entziehen – aber das beweist noch lange nicht, dass er das menschliche Verständnis von „Lüge“ hat.

In einem groß angelegten Experiment mit 260 Hunden beobachteten die Tiere, wie Futter von einem Napf in einen anderen umgefüllt wurde. Anschließend gab ihnen ein Mensch einen falschen Hinweis.

Die Reaktion der Hunde hing davon ab, was genau die Person gesehen hatte, die den Hinweis gab. Die Studie zeigte, dass die Hunde den Zugang der Person zu Informationen berücksichtigten und falsche Hinweise oft ignorierten. Gleichzeitig weisen die Autoren vorsichtig darauf hin, dass man das Verhalten der Hunde nicht automatisch mit einem vollständigen menschlichen Verständnis der Überzeugungen oder Absichten anderer gleichsetzen sollte.

Und hier kommt ein sehr interessanter Gedanke auf:

„Vielleicht versteht ein Hund das Wort ‚Lüge‘ nicht. Aber das muss er auch gar nicht.“

Er erinnert sich:

  • wer ihr die richtigen Hinweise gegeben hat;
  • wer sich als unzuverlässig erwiesen hat;
  • wer sein Essen teilt;
  • wer nur so tut, als würde er den Ball werfen;
  • und wer schon fünfmal „Gassi“ gesagt hat, aber immer noch auf dem Sofa sitzt.

Hunde leben seit Jahrtausenden mit Menschen zusammen. In dieser Zeit sind sie zu äußerst aufmerksamen Beobachtern unseres Verhaltens geworden.

Wenn du also das nächste Mal so tust, als würdest du den Ball werfen, er aber hinter deinem Rücken bleibt, denk daran: Vielleicht klappt es beim ersten Mal.

Aber auch der Hund zieht seine Schlussfolgerungen. Und dein Ruf steht schon auf dem Spiel.